Decoded

Der Volltext der Gedichte in „Die Bake“.

Rainer Maria Rilke:

Denn wir sind nur die Schale und das Blatt: Der große Tod, den jeder in sich hat, das ist die Frucht, um die sich alles dreht.

John Keats: To Autumn

Where are the songs of Spring? Ay, where are they?

Think not of them, thou hast thy music too,-

While barred clouds bloom the soft-dying day,

And touch the stubble-plains with rosy hue.

William Shakespeare, Sonett:

Wär’ dieses Leibes träger Stoff der Geist,

vermöchte keine Ferne uns zu trennen,

durch Räume wär’ ich rasch dir nachgereist

und wollte keine Grenze anerkennen.

Und ständ’ mein Fuß gebannt am fernsten Ort,

dem Geiste wahrlich wär’ zum Spott die Schranke,

ich dächte über Land und Meer mich fort

und schon am Ziele wäre der Gedanke.

Mich tötet der Gedanke, daß ich nicht

Gedanke bin, um stets dich aufzufinden:

mein Element erzwingt mir den Verzicht,

das Hindernis des Raums zu überwinden.

Von Erd und Wasser, die in mir vereint,

sind schwer die Tränen, die ich dir geweint.

Friedrich Nietzsche, Ecce Homo:

Ja! Ich weiss, woher ich stamme!

Ungesättigt gleich der Flamme

Glühe und verzehr‘ ich mich.

Licht wird alles, was ich fasse,

Kohle alles, was ich lasse:

Flamme bin ich sicherlich.

Christian Morgenstern, Die Zeit:

Es gibt ein sehr probates Mittel,

die Zeit zu halten am Schlawittel:

Man nimmt die Taschenuhr zur Hand

und folgt dem Zeiger unverwandt.

Sie geht so langsam dann, so brav

als wie ein wohlerzogen Schaf,

setzt Fuß vor Fuß so voll Manier

als wie ein Fräulein von Saint-Cyr.

Jedoch verträumst du dich ein Weilchen,

so rückt das züchtigliche Veilchen

mit Beinen wie der Vogel Strauß

und heimlich wie ein Puma aus.

Und wieder siehst du auf sie nieder;

ha, Elende! – Doch was ist das?

Unschuldig lächelnd macht sie wieder

die zierlichsten Sekunden-Pas.

Rigveda, Der Uranfang:

Weder ein Etwas war damals, noch auch ein Nichts war das Weltall,

Nicht bestand der Luftraum, noch war der Himmel darüber.

Wo war der Hüter der Welt? Was war ihr Inhalt und welches
Ihre Umhüllung? Was war die Meerflut, die grundlose Tiefe?

Nicht regierte der Tod, noch gab es Unsterblichkeit damals,

Und es fehlte das scheidende Zeichen von Tagen und Nächten.

Eins nur atmete ohne zu hauchen aus eigenem Antrieb,

Und kein anderes zweites war außer diesem vorhanden.

Dunkelheit war im Beginne in Dunkelheit gänzlich versunken.

Nebelhaft nur, ein Wassergewoge war damals das Ganze;

Als lebendiger Keim von dem toten Gewoge umfangen,

Ließ sich das Eine gebären von feurigem Drange getrieben.

Über das Eine ist anfangs ein liebendes Sehnen gekommen,

Aus bloßen Gedanken entspross der früheste Same.

Also fanden das Band, das Sein mit Nichtsein verknüpfet,

In der Vergangenheit forschend die Weisen mit sinnendem Herzen.

Helle verbreitend drang mitten hindurch ihr geistiges Auge.

Gab es denn damals ein Unten, und gab es schon damals ein Oben?

Sämende Kräfte, sie wirkten, es wirkten die Triebe ins Weite;

Unten die wollende Kraft und oben das männliche Drängen.

Aber wer weiß es gewiss, und wer kann auf Erden erklären:

Woher ist sie entsprungen, von wannen kam sie, die Schöpfung?

Götter sind später entstanden im Laufe der Weltenerschaffung.

Wer weiß also, von wannen die erste Entwicklung gekommen?

Unsere Schöpfung, von wannen sie ihre Entwicklung genommen,

Sei es, dass er sie bereitet hat, sei es auch nicht so –

Der sie als schirmendes Auge vom obersten Himmel beschauet,

Der nur weiß es gewiss! Und wenn selbst er es nicht wüsste?

 

Rainer Maria Rilke:

Überfliessende Himmel verschwendeter Sterne
prachten über der Kümmernis.

Statt in die Kissen,
weine hinauf.

Hier, an dem weinenden schon,

an dem endenden Antlitz,

um sich greifend, beginnt der hin-
reißende Weltraum.

Wer unterbricht,

wenn du dort hin drängst,

die Strömung? Keiner. Es sei denn,

daß du plötzlich ringst mit der gewaltigen Richtung

jener Gestirne nach dir. Atme.

Atme das Dunkel der Erde und wieder
aufschau!

Wieder. Leicht und gesichtlos,

lehnt sich von oben Tiefe dir an.

Das gelöste
nachtenthaltne Gesicht gibt dem deinigen Raum.

 

John Keats, Bright Star:

Bright star! would I were steadfast as thou art–

Not in lone splendour hung aloft the night

And watching, with eternal lids apart,

Like nature’s patient, sleepless Eremite,

The moving waters at their priestlike task

Of pure ablution round earth’s human shores,

Or gazing on the new soft fallen mask

Of snow upon the mountains and the moors–

No–yet still steadfast, still unchangeable,

Pillow’d upon my fair love’s ripening breast,

To feel for ever its soft fall and swell,

Awake for ever in a sweet unrest,

Still, still to hear her tender-taken breath,

And so live ever–or else swoon to death.

Lucretia Maria Davidson, To a Star:

Thou brightly-glittering star of even,

Thou gem upon the brow of Heaven

Oh! were this fluttering spirit free,

How quick ‚t would spread its wings to thee.

How calmly, brightly dost thou shine,

Like the pure lamp in Virtue’s shrine!

Sure the fair world which thou may’st boast

Was never ransomed, never lost.

There, beings pure as Heaven’s own air,

Their hopes, their joys together share;

While hovering angels touch the string,

And seraphs spread the sheltering wing.

There cloudless days and brilliant nights,

Illumed by Heaven’s refulgent lights;

There seasons, years, unnoticed roll,

And unregretted by the soul.

Thou little sparkling star of even,

Thou gem upon an azure Heaven,

How swiftly will I soar to thee,

When this imprisoned soul is free!