Was ist eigentlich Hard Science Fiction?

Brandon Q. Morris schreibt Hard Science Fiction. Aber was bedeutet das eigentlich? Ich erkläre es gern so: Was in meinen Büchern geschieht, könnte auch in der Realität passieren. Es gibt keine physikalischen Gesetze, die dagegen sprechen. Man könnte es auch“realistische“ Science-Fiction nennen, wobei die Fiktion natürlich bleibt. Es ist am Ende doch eine Geschichte, die ich erzähle. Abgesehen vom Härtegrad (dazu unten mehr) tendiert harte Science Fiction auch dazu, statt eines Konflikts zwischen Menschen den Konflikt zwischen Held und Umwelt (in Form des Universums und seiner vielfältigen Phänomene) zu schildern. Zudem geht es oft relativ technisch zu, was aber nicht Bedingung ist. Auch die Lösung des Konflikts kann am Ende gern technischer Art sein.

Das heißt nicht, dass wir keine starken Charaktere brauchen. Im Gegenteil, das Universum als Antagonist ist ein ziemlich starker Charakter, der vom Protagonisten eine echte Entwicklung verlangt. Am Anfang hat der Held noch gar keine Chance, und erst im Laufe des Konflikts gewinnt er an Stärke und erwirbt schließlich die Fähigkeit, die Welt zu retten. Ebenso wichtig: der „Sense of Wonder“, das Gefühl von Größe und Großartigkeit, den das Universum mitbringt. Sie kennen das aus sternklaren Nächten, wenn Sie im Garten liegen und in den Himmel sehen. Wenn ein Roman dieses Gefühl vermittelt, finde ich ihn gelungen.

Zurück zur Härte. Die Website AllTheTropes hat eine Skala erfunden, die der Mohs-Skala für die Härte von Mineralen nachempfunden ist. Sie sieht ungefähr so aus:

  • Klasse 1: Wissenschaft nur im Genre. Das Werk gehört zwar zur Science Fiction, aber mit Wissenschaft hat es nichts zu tun. Futurama, Star Wars, die DC- und Marvel-Universen, Doctor Who und The Hitchhiker’s Guide to the Galaxy fallen darunter.
  • Klasse 2: Konsistente Regeln. Das Universum ist zwar voller nichtwissenschaftlicher Regeln, aber diese werden zumindest konsistent angewendet. Wenn ein Stein einmal von unten nach oben fällt, tut er es immer. Diese Regeln gelten in der jeweiligen Welt als wissenschaftlich begründet. Beispiele: Neon Genesis Evangelion, Star Trek, StarCraft. Eine Unterklasse (wohl 2,5 auf der Skala) enthält Geschichten, die zwar wissenschaftlich solide sind, jedoch ist die angewandte Physik nicht unsere eigene (zwei Raumdimensionen statt drei u.ä.).
  • Klasse 3: Physik Plus. Auch hier passieren seltsame, unrealistische Dinge, aber der Schreibende versucht, sie mit realen oder erfundenen Naturgesetzen zu begründen, und zwar in einer konsistenten Art und Weise. Werke wie Schlock Mercenary, David Brins Uplift-Serie und Battlestar Galactica (2003) fallen in diese Klasse.
  • Klasse 4: Eine große Lüge. Hier erfinden die Autor*innen ein (oder höchstens ein paar) physikalische Gesetze und erforschen in der Geschichte die Auswirkungen dieser „einen großen Lüge“. Das Computerspiel „Mass Effect“ etwa benutzt die Entdeckung der theoretischen Materie „Element Zero“, die für den „Mass Effect“ verantwortlich ist und damit die Grundlage für die gesamte futuristische Technologie darstellt. Eine Unterklasse (4,5 auf der Skala) enthält Geschichten, die nur ein einziges kontrafaktisches Gerät benötigen (oft, um schneller als das Licht zu reisen), bei denen das Gerät aber kein Hauptelement der Handlung ist.
  • Klasse 5: Spekulative Wissenschaft. Das sind Geschichten, in denen es die „große Lüge“ der Klasse 4 nicht gibt. Die in der Erzählung verwendete Wissenschaft ist echte, wenn auch spekulative Wissenschaft oder Technik, und das Ziel des Schreibenden ist es, so wenig Fehler in Bezug auf bekannte Fakten zu machen wie möglich. Meist fallen die Bücher von Brandon Q. Morris in diese Klasse 🙂 Eine Unterklasse (5,5 auf der Skala) könnte man „Futurologie“ nennen, weil ihre Geschichten die Zukunft vorhersagen, indem sie von der aktuellen Technologie extrapolieren, anstatt große neue Technologien zu erfinden.

Dise Einteilung ist im übrigen keinesfalls qualitativ zu verstehen. So wie generell „harte“ SF nicht besser oder schlechter als „weiche“ SF ist. Ich sehe mir selbst gern StarWars oder StarTrek (ja, beide!) an und freue mich über die fantastischen Bilder. Schwer fällt es mir nur, wenn (wie etwa in dem Film „Ad Astra“) ein „harter“ Anspruch behauptet, aber nicht eingelöst wird. Wenn der Leser oder die Zuschauerin also glaubt, das wirkliche Weltall zu sehen, aber dabei betrogen wird.

One Comment

  • Ich sehe das etwas anders.

    Hard Science Fiction muss nichts mit Zukunft oder Aliens zu tun haben.
    Ein Krimi der sich im Detail um Forensic oder IT beschaeftigt ist dann Hard SciFi, wenn der Schwerpunkt auf dem wissenschaftlichen Aspekt liegt.
    Michael Crichton hat SciFi geschrieben, aber ist dabei nie wirklich ins Derail gegangen soweit ich weiss.
    Daniel Suarez hat das gleiche Konzept…
    Temporary SciFi trifft es wohl eher, ob jetzt Crispr in “Change Agent” (2017) oder Asteroidenabbau in der Duology “Delta-V”.

    Wells Die Zeitmaschine ist zu mindestens was unseren wissenschaftlichen Stand aktuell angeht aktuell Fantasy zuzuordnen.
    Aber wie sagte A. C. Clarke schon “Any sufficiently advanced technology is indistinguishable from magic.”
    Würde er die Technik beschreiben, so dass mind. ein Laie für glaubwürdig hält, dann wäre es Hard SciFi. Das ist Clarke mit “Rendezvous with Rama” gut gelungen. Auch wenn er weniger die Technik als die Architektur beschreibt….

    Andy Weirs “The Martian” (2011) ist Hard-hard Scifi. Und “Project Hail Mary” (2021-05) ebenso. Beide wirken sehr glaubwürdig.

    Bei BQM ist die Technik im Vordergrund und es ist auf jeden Fall Hard SciFi.
    Das gilt aber nicht für jedes seiner Romane. Die Mars Reihe würde ich SciFi einordnen, aber nicht Hard SciFi. “Die Bake” empfand ich super realistisch und damit “Hard-hard SciFi”

    Hard SciFi kann mit den Jahren auch SciFi werden.

    Eschbachs “Des Menschen Flügel” (2020) wohl eher YA Fantasy.
    Petersons “Das Schwarze Schiff” (2018) zumindest aktuell Fantasy.
    etc. pp.

Leave a Comment

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

BrandonQMorris
  • BrandonQMorris
  • Brandon Q. Morris, 54, ist Physiker und beschäftigt sich beruflich und privat schon lange mit den spannenden Phänomenen des Alls. So ist er für den redaktionellen Teil eines Weltraum-Magazins verantwortlich und hat mehrere populärwissenschaftliche Bücher über Weltraum-Themen geschrieben. Er wäre gern Astronaut geworden, musste aber aus verschiedenen Gründen auf der Erde bleiben. Ihn fasziniert besonders das „was wäre, wenn“. Sein Ehrgeiz ist es deshalb, spannende Science-Fiction-Geschichten zu erzählen, die genau so passieren könnten – und vielleicht auch irgendwann Realität werden.

%d Bloggern gefällt das: