Über Brandon Q. Morris: Wie ich Hard Science Fiction schreibe

Am liebsten lasse ich meine Bücher für mich sprechen – aber ab und zu werde ich doch gefragt: „Wie machst du das eigentlich, Brandon?“ Deshalb heute ein kleiner Überblick. Ich schicke voraus, dass ich das riesige Glück habe, mit dem Autor-Sein all meine Hobbys zu vereinen. Das führt dazu, dass ich mich tatsächlich auf Montag freue, wenn ich wieder arbeiten darf, weil das Schreiben wirklich Spaß macht. Schon als Kind hatte ich zwei Berufswünsche: Schriftsteller oder Astronaut. Mit Schreiben verdiene ich mein Geld, seit ich das Studium beendet habe. Ob es mal für einen (selbe bezahlten) Flug ins All reicht? Ich hoffe sehr, dass die Kosten dafür bis zu meinem 65. Geburtstag in bezahlbare Bereiche rutschen… Elon Musk, Jeff Bezos, Richard Branson & Co. investieren ja kräftig darin.

Wie entsteht ein Buch von Brandon Q. Morris? Am Anfang steht natürlich immer eine Idee. Es ist noch kein Plot, keine Geschichte, nur eine Idee, etwa: „Sollten wir nicht mal eine menschliche Crew auf Enceladus nach Leben suchen lassen? Wäre das nicht cool? Da würde ich gern mitfliegen.“ Der zweite Schritt besteht dann darin, dass ich mir eine Geschichte dazu ausdenke. Oder genauer: Anfang und Ende. Wie geht es los, und wie endet die Story? Und wer muss unbedingt mit? Parallel suche ich nach einem griffigen Titel. Wenn beides vorhanden ist, folgt ein Schritt, den manche KollegInnen vielleicht seltsam finden: Ich beschäftige mich mit dem Cover. Grafikern die Art von Story zu beschreiben, die ich verfassen will, hilft mir, meine Geschichte besser kennenzulernen.

Dazu muss ich in der Regel auch recherchieren, was die technischen und wissenschaftlichen Voraussetzungen sind, die die Geschichte möglich machen. Wo gibt es heute schon Ansätze? Welche Technologien, die heute vielleicht noch im Labor sind, sehen vielversprechend aus? Die Grundidee für Proxima Rising hat zum Beispiel das StarShot-Programm geliefert. Dazu ist es natürlich hilfreich, sich für Forschung und Technik zu interessieren und viel darüber zu wissen; ich habe etwa mehrere populärwissenschaftliche Bücher über den Kosmos, Quantenphysik oder Relativitätstheorie verfasst. Dieses Wissen hilft dann enorm, das Potenzial von Technologien und Entwicklungen einzuschätzen. Für Enceladus habe ich u.a. mit den „Erfindern“ der dort verwendeten Technologien DFD und Valkyrie gesprochen. Wenn mir ein spannendes Thema begegnet, skizziere ich es gern in einem kleinen Artikel für HardSF.de – Themen von dieser Seite treffen Sie also vielleicht mal in einem Buch wieder.

Das Cover ist fertig? Dann geht es endlich ans Schreiben. Ich bin im Großen und Ganzen ein Bauchschreiber. Der englische Begriff „Discovery Writer“ trifft es noch besser: Meine Protagonisten entdecken von Kapitel zu Kapitel den genauen Gang der Handlung. Sie hangeln sich dabei an dem zuvor niedergeschriebenen Gerüst entlang, reißen es aber auch gern mal ein. Bei „Enceladus – Die Rückkehr“ haben sich zwischendurch sogar die Motivationen der Hauptcharaktere geändert, und der Schluss musste sich dann daran anpassen.

Dabei nehme ich mir täglich eine feste Anzahl von Wörtern vor (mein Schreibprogramm Scrivener kontrolliert das), die sich am vorgesehenen Erscheinungstag orientiert. Ich habe das Glück, meinen Tagesablauf selbst bestimmen zu können; meist beginne ich nicht vor zehn Uhr und schreibe mit Mittagspause bis zum späten Nachmittag, dann gibt es von 23 bis 2 oder 3 Uhr noch eine kleine Nachtschicht, wo ich oft am produktivsten bin. Am Wochenende ruht das Buch. Schreiben kann ich überall, ich habe mit der Zeit allerdings festgestellt, dass es am heimischen Schreibtisch am einfachsten ist, sich zu konzentrieren. Nach der Fertigstellung geht das Buch dann ins Lektorat; eBook und Taschenbuch erstelle ich im Anschluss selbst mit Vellum (nur für MacOS).

Nun hat mein Genre, die Hard Science Fiction, eine Besonderheit: Ich kann meine Phantasie nicht völlig frei einsetzen. Bei Hard Science Fiction muss immer gewährleistet sein, dass die geschilderte Handlung genau so passieren könnte. Das macht für viele HardSF-Fans das Faszinierende dieses Subgenres der Science Fiction aus. Die SCIENCE wird hier groß geschrieben. Überlichtgeschwindigkeit, Beamen von Menschen, Kampflärm im All, das mag für Abwechslung sorgen, aber in einem HardSF-Buch hat das nichts verloren. Aber das heißt nicht, dass ich eine genaue Prognose der Zukunft abgeben muss. Was ich mir ausdenke, muss bloß immer physikalisch möglich sein. Natürlich kann es sehr gut sein, dass es auf Enceladus kein Leben gibt. Doch es ist möglich, nach allem, was wir wissen, und gar nicht zu unwahrscheinlich.

Das Schöne ist: Ich kann beim Erfinden die Zukunft wählen, die mir selbst am besten gefällt. Ich glaube zum Beispiel nicht, dass wir in einer Dystopie enden werden. Es wird auch in 100 Jahren noch Konflikte und Probleme geben, aber die Menschheit wird dem Abgrund fern bleiben. Die Vernunft behält die Oberhand. Also ist das auch in meinen Büchern so. Vielleicht finden es die Nationen weltweit am Ende doch zu teuer, zum Mars zu fliegen, und lösen mit dem Geld lieber andere Probleme. Das fände ich schade, deshalb fliegen die Menschen in meinen Büchern ins All, auch wenn das vielleicht egoistisch klingt (am Ende, denke ich, profitiert die gesamte Menschheit davon).

Wie kann ich absichern, dass alles genau so passieren könnte? Dafür gibt es drei „Tricks“ (es sind eigentlich keine, denn der Leser wird dabei nicht in die Irre geführt):

  1. Ich recherchiere. Da ich seit 30 Jahren Journalist bin und auch das Weltraum-Magazin SPACE textlich betreue, kenne ich sowohl die richtigen Techniken als auch die spannendsten Quellen. Als Physiker habe ich das Wissen, die Naturgesetze und die aktuellen Veröffentlichungen von Wissenschaftlern zu verstehen. Als gelernter Journalist kann ich das dann schließlich auch verständlich darstellen.
  2. Ich lasse Parameter frei. Sie kennen aus der Schule Gesetze wie s=v*t, also Weg = Geschwindigkeit mal Zeit. Wenn ich nun – als simples Beispiel – im Buch verrate, wie schnell ein Raumschiff ist, aber die Angaben zu Weg und Zeit weglasse, dann verstößt die Schilderung nicht gegen Naturgesetze. Aber es kann auch niemand nachrechnen und dann behaupten: „das geht so nicht.“ In so einfachen Fällen rechne ich die Parameter selbstverständlich aus. Wenn ich sage, der Habitatring der ILSE dreht sich soundso schnell und dadurch entsteht eine Schwerkraft der Größe x, dann stimmen diese Zahlen. Aber es gibt kompliziertere Fälle, für die erst jemand eine kleine Diplomarbeit schreiben müsste. Dann versuche ich, durch Überschläge realistische Werte zu bekommen, lasse aber einen Parameter weg, und meine Behauptung wird unter allen Umständen korrekt sein.
  3. Ich schaffe eine „Black Box“. Das ist ein Objekt, dessen Funktionsweise ich nicht erkläre. Was es tut, muss mit den Regeln der Physik übereinstimmen. Aber wie genau der Effekt erreicht wird, bleibt offen. Dass es sich um eine Black Box handelt, muss natürlich nachvollziehbar sein, etwa weil es um ein Stück außerirdischer Technologie geht, hinter dessen Funktionsweise wir nur noch nicht gekommen sind. Die Transporter des Kollegen Peterson sind so eine Black Box, oder auch das Enceladus-Wesen, zumindest im Moment.

Am liebsten ist mir dabei, ich kann den ersten „Trick“ nutzen. Schon deshalb, weil mir das Recherchieren so viel Spaß macht. Es kann natürlich auch spannend sein, etwas, das der Leser für eine Black Box hält, irgendwann schließlich doch zu erklären, idealerweise nicht so, wie der Leser es vermutet hat.

Werden mir irgendwann die Themen ausdenken? Das ist zwar physikalisch möglich, aber unwahrscheinlich. Die Settings für die nächsten zwei Bücher (abseits der Saturnmonde und von Proxima Centauri) habe ich jedenfalls schon im Kopf. Aber ich nehme natürlich auch gern Vorschläge an.

Und ich bin nicht fehlerfrei. Obwohl meine Bücher von Wissenschaftlern probegelesen werden, fallen manchmal ganz simple Dinge niemandem auf. Bis dann irgendwann mal ein Leser daher kommt und sagt: Müsste das nicht soundso sein? Falls es Ihnen so geht: Bitte schreiben Sie mir. Allerherzlichsten Dank!

4 Responses to “ Über Brandon Q. Morris: Wie ich Hard Science Fiction schreibe ”

  1. michael scharna

    Echt interssant!

  2. In Kürze erscheint die Fortsetzung von Enceladus, Enceladus – Die Rückkehr… Schade nur, das die Fortsetzung offenbar nur als eBook erscheinen wird. Pech für mixh und alle Fans, die immer noch am guten alten Buchformat festhalten. Ich hätte gerne gewusst, wie die Story weitergeht, werde es aber wohl nie erfahren, sofern ich mich weiterhin dem eBook-Format verweigere…

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