Auf dem Merkur liegen weniger Felsbrocken herum als auf dem Mond

Merkur kann man sich sehr gut als eine Extremversion des Erdmondes vorstellen. Der Gesteinsplanet kreist in derartiger Sonnennähe, dass er weitaus stärkeren Temperaturschwankungen ausgesetzt ist als der Mond. Wasser gibt es wie auf dem Mond nur in den wenigen Bereichen, die nie dem Sonnenlicht ausgesetzt sind. Trotzdem gibt es, wie die Fotos der Messenger-Sonde der NASA gezeigt haben, an der Oberfläche ein paar charakteristische Unterschiede. Zum Beispiel liegen auf dem Merkur weitaus weniger Felsbrocken herum.

Woran liegt das? Das hat eine internationale Gruppe von Planetenforschern jetzt zum ersten Mal analysiert und in der Zeitschrift Iсarus beschrieben. Um die Felsbrocken auf Merkur zu untersuchen, haben die Forscher fast 3000 Bilder gesichtet, die 2015 von Bord der Messenger-Sonde während ihrer Merkur-Umlaufbahn aufgenommen wurden. Sie entdeckten nur 14 Felsbrocken bis zu einer Größe von 5 Metern (kleinere Objekte sind derzeit nicht zu erkennen). Anschließend untersuchten die Wissenschaftler Bilder von der Mondoberfläche. Die Qualität der Mondbilder (aufgenommen vom Lunar Reconnaissance Orbiter ab 2009) ist wesentlich besser, deshalb wurden sie künstlich schlechter gerechnet. Das Ergebnis: „Felsbrocken kommen auf dem Merkur etwa 30 Mal seltener vor als auf dem Mond“, sagt Mikhail Kreslavsky, Forscher an der University of California.

Der Unterschied wird durch drei Faktoren bestimmt, glauben die Wissenschaftler. Der erste Faktor sind kleinste Meteoriten, sog. Mikrometeoriten. Aufgrund der Nähe des Merkur zur Sonne wird er mehr als 50 Mal häufiger von ihnen getroffen, und sie haben 1,5-5,5 Mal mehr Energie. Die mikroskopisch kleinen Partikel des interplanetaren Staubs, die auf Merkurgestein treffen, schleifen dieses dadurch wie ein Schleifmittel fast 15-mal schneller ab als auf dem Mond. Der zweite Faktor ist eine dickere Regolithschicht auf der Merkuroberfläche, die von dem intensiven intensiven Mikrometeoritenbeschusses herrührt. Sie dämpft die Einschläge größerer Weltraumobjekte, sodass auch weniger Gesteinsbrocken aus seiner Oberfläche gerissen werden. Zusammen dürfte das die Hauptursache für die geringe Anzahl von Gesteinsbrocken auf Merkur sein.

Der dritte Faktor sind die zyklischen Temperaturschwankungen, die auf dem Merkur während eines Sonnentages (176 Erdtagen) auftreten. Als sonnennächster Planet hat Merkur die größten Temperaturschwankungen von allen Planeten im Sonnensystem: von 80 bis 700 K. „Eine große thermische Belastung, die 2,5 Mal so hoch ist wie die des Mondes, führt zu einer schnellen Abnutzung des Materials, zu zahlreichen großen und kleinen Rissen und schließlich zur Zerstörung der Gesteinsbrocken auf dem Merkur. Auf dem Mond hingegen erreichen die Felsbrocken eine Lebensdauer von 100 Millionen Jahren“, so Maria Gritsevich, leitende Forscherin an der Ural Federal University und am Finnish Geospatial Research Institute.

Felsbrocken auf der Oberfläche von Merkur (Bild: NASA)

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BrandonQMorris
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  • Brandon Q. Morris, 54, ist Physiker und beschäftigt sich beruflich und privat schon lange mit den spannenden Phänomenen des Alls. So ist er für den redaktionellen Teil eines Weltraum-Magazins verantwortlich und hat mehrere populärwissenschaftliche Bücher über Weltraum-Themen geschrieben. Er wäre gern Astronaut geworden, musste aber aus verschiedenen Gründen auf der Erde bleiben. Ihn fasziniert besonders das „was wäre, wenn“. Sein Ehrgeiz ist es deshalb, spannende Science-Fiction-Geschichten zu erzählen, die genau so passieren könnten – und vielleicht auch irgendwann Realität werden.