Earendel: Der fernste Stern

Weit entfernte Sterne, wie leuchtkräftig sie auch sein mögen, lassen sich selbst mit den besten weltraumgestützten Teleskopen heute noch nicht einzeln fotografieren. Dabei wäre das für die Forscher höchst interessant, denn mit wachsender Entfernung stoßen wir in die Frühzeit des Universums vor, über die wir noch zu wenig wissen.

Aber mit ein bisschen Glück hilft das Universum selbst den Astronomen – indem es mächtige Galaxien so praktisch platziert, dass sie das Licht eines eigentlich viel zu weit entfernten Sterns verstärken – in diesem Fall in Form des Galaxienhaufens WHL0137–08. So gelang es kürzlich dem Weltraumteleskop Hubble, einen rund 900 Millionen Jahre nach dem Urknall leuchtenden Einzelstern zu beobachten, wie das Wissenschaftsmagazin Nature berichtet. Die Entdeckung ist viel weiter entfernt als frühere Beobachtungen ähnlicher Systeme, was sie in ein sehr frühes Stadium der Entwicklung des Universums einordnet.

Das von Brian Welch und Kollegen beschriebene Objekt mit der Bezeichnung WHL0137-LS trägt inzwischen den Spitznamen Earendel, ein altes englisches Wort, das “Morgenstern” oder “aufgehendes Licht” bedeutet. Dabei handelt es sich entweder um einen einzelnen Stern oder um ein Doppelsternsystem. Earendel hat schätzungsweise eine Masse, die mehr als 50-mal so groß ist wie die der Sonne. Seine Rotverschiebung beträgt 6,2. Die Rotverschiebung gibt an, wie das Licht auf seiner langen Reise gestreckt wird. Daraus lässt sich auf die Entfernung astronomischer Objekte schließen. Je größer die Zahl, desto weiter entfernt (oder früher in der Geschichte des Universums) ist das Objekt. Frühere Beobachtungen von Einzelsternen wurden bei kleineren Rotverschiebungen von etwa 1-1,5 einsortiert.

Genaue Angaben zu Temperatur, Masse und spektralen Eigenschaften des Sterns sind allerdings nach wie vor ungewiss. Die Autoren hoffen, dass das James-Webb-Weltraumteleskop in Zukunft in der Lage sein wird, sie zu bestimmen.

Könnten uns von Earendel Außerirdische zuwinken? Vermutlich nicht. So kurz nach dem Urknall besaß das Universum noch nicht genug schwere Elemente, um Leben in der Art zu ermöglichen, wie wir es heute kennen.

Der nun Earendel genannte Einzelstern ist im Bild markiert (Foto: Welch et. al. / Nature)

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BrandonQMorris
  • BrandonQMorris
  • Brandon Q. Morris, 54, ist Physiker und beschäftigt sich beruflich und privat schon lange mit den spannenden Phänomenen des Alls. So ist er für den redaktionellen Teil eines Weltraum-Magazins verantwortlich und hat mehrere populärwissenschaftliche Bücher über Weltraum-Themen geschrieben. Er wäre gern Astronaut geworden, musste aber aus verschiedenen Gründen auf der Erde bleiben. Ihn fasziniert besonders das „was wäre, wenn“. Sein Ehrgeiz ist es deshalb, spannende Science-Fiction-Geschichten zu erzählen, die genau so passieren könnten – und vielleicht auch irgendwann Realität werden.